neulich, während einer therapeutischen Behandlung klagte mir ein Vater seine Sorgen um eine der beiden Töchter.

er selbst, ehem. pharmazeutischer Naturwissenschaftler ging den unterschiedlichsten Aufgaben und Hobbies nach, von denen ich kaum jemals gehört hatte. es hörte sich alles spannend an und zeigte mir einen Mann, der ausserhalb seiner relativ trockenen Tätigkeit ein Interessenfeld entwickelt hatte, das ihm in der Vielfalt grosse Freude bereitete. ich fand er engagierte sich in grossartigen Projekten. auch genoss er es jeden einzelnen Tag ausgestiegen zu sein.

eine Tochter arbeitet klugerweise in ihrem ausgelernten Beruf. war mit Familie und allem was dazu gehört beschäftigt. besuchte Feste und folgte beispielhaft mehr oder weniger den Rhythmen, Regeln und Rahmenbedingungen der Gesellschaft. alles war ordentlich, konventionell und gesellschaftlich respektabel.

die andere hat nach dem Studium einen gut bezahlten Job hingeschmissen, ging nach Lateinamerika, um dort Yoga zu unterrichten. wollte für einige Zeit im Einklang mit der Natur leben, forschen, sich selbst entdecken, um dem weiteren Weg mit ihrem Herzen zu folgen.

letztere war eben das besagte Sorgenkind: sie könne doch nicht nur von Yoga leben, die Welt bereisen und sich selbst suchen? was passiert mir ihrem Rentenanspruch, den mangelnden Jahren der Berufserfahrung, dem Familienwunsch und einer geordneten Tätigkeit in ihrem ehrenvoll fertig studiertem Tätigkeitsfeld?

mich traf das irgendwie.
sein Herz war verschlossen.
zusammen gezogen seine Schultern.
tiefe Furchen in der Stirn.
eine tiefe Trauer erfüllte seine Aura.

wie sehr kannte ich das… hatten meine Eltern nicht das gleiche durchgemacht? sogar in ähnlicher geschwisterlicher Konstellation? da hatten sie doch jegliche Hoffnung ihrer unerfüllten Wünsche mir in die Wiege gelegt. da war ich, das Wunderkind, der alles von der Hand ging, die eine grosse Karriere hingelegt hatte, eine grosse Zukunft vor sich…
und was machte ich?
knallte alles hin?
um mich – als Volunteer-Reisende – in den unterschiedlichsten Orten dieser Welt selbst zu finden. um wieder meine Freude im Körper zu spüren, meine Lust am Leben zu feiern und die Momente der Freiheit mit den Herzklopfen konkurrieren zu lassen.

ich liess meine Berührung wirken. strich über seinen Körper. setzte Griffe ein, um seinen eingepanzerten Brustkorb zu lockern. erlaubte seinem Herzen Raum zu schaffen für einen grossen Seufzer und flüsterte:

‚machen Sie sich keine Sogen um Menschen, die in jungen Jahren ihrer Lebensfrage nachgehen. die ihren Seelenweg folgen. dich sich selbst erfragen und erspüren wollen. früher oder später finden sie was ihnen ein Lächeln in das Gesicht und ein JA in’s Herz zaubert.
es wäre doch schade, wenn sie in 30 Jahren aufwacht und feststellt, dass sie mitten in einer Lebenskrise ist. das gesamte Leben hätte sie mit der falschen Ausrichtung verbraucht‘.

er ging.
nach einigen Tagen kam er wieder.
’sie haben mir das Vertrauen in meine Tochter, meinen Glauben an mich Selbst und das Leben gerettet.
danke junge Frau‘.

es gibt kein ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ für einen Weg.
jeder ist genau so wie er ist, passend.
jeder ist persönlich.
meiner war der Beste, den ich gehen konnte.
meiner war der einzige, den ich so gehen konnte.

ich bin dankbar, dass ich einem älteren Herren das Lächeln in’s Gesicht zurück gezaubert habe.

zum Schluss gab ich ihm noch mit: ’sie scheint ihre Gene zu haben. ein klassischer Rentner sind sie ja auch nicht.‘
ein tränenerfülltes Zwinkern besiegelte unsere Freundschaft.
lachend blickte er in seine neue Ausrichtung.

und ich blieb mit einem Lächeln zurück… junge Frau, nannte mich schon lange kein Mann mehr.

in Liebe.
mit einem Schuss Freiheit.
und dem Ja, um deinem Herzen zu folgen.

deine,

Violeta

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